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Wovon die Lebenserwartung abhängt

Interview mit der Studien-Autorin Sabine Sütterlin: Ein Gespräch über Gesundheit in Zahlen – und warum der Sozialstatus eine bedeutende Rolle spielt
von Julia Rudorf, 29.11.2017

Bewegung als Jungbrunnen: Viele Menschen möchten auch im Alter fit bleiben

F1online

Sabine Sütterlin arbeitet am Berlin-Institut für Be­völkerung und Entwicklung zum demografischen Wandel. In der aktuellen Studie "Hohes Alter, aber nicht für alle" beschreibt sie die Auswirkungen von sozialer Ungleichheit auf die Lebenserwartung.

Frau Sütterlin, wenn heute in Deutschland Kinder geboren werden, können sie auf ein ziemlich langes Leben hoffen. Die Lebenserwartung liegt für Jungen bei 78 Jahren und für Mädchen bei 83 Jahren. Das ist eine Erfolgsgeschichte – auch der Medizin?

Man kann mit der Statistik zwar nicht bei jedem neuen Wirkstoff oder OP-Verfahren genau beziffern, welche Auswirkungen die Medizin auf die Lebenserwartung hatte. Einen deutlichen Effekt besaß jedoch die sogenannte kar­dio­vaskuläre Revolution der 1960er- und 70er-Jahre. Dazu zählen zum Beispiel Maßnahmen, welche die Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen deut­lich verbessert haben: Bypass-Operationen, Stents, Ballonkatheter, aber auch Medikamente – etwa solche, die Koronarthrombosen auf­lösen oder gegen Bluthochdruck eingesetzt werden.

Sabine Sütterlin vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

W&B/Andreas Müller

Seither hat die Medizin viele Fortschritte gemacht. Wird eine Lebenserwartung von 90 oder 100 Jahren bald die Normalität?

Das ist eher nicht anzunehmen. Den größten Einfluss hatten anfänglich recht einfache Maßnahmen, welche die Kindersterblichkeit Anfang des 20. Jahrhunderts deutlich senkten. Hygiene, sauberes Wasser, bessere Ernährung, später Impfungen und Antibiotika. Da mehr Menschen die ersten fünf Lebensjahre überlebt haben, ist die durchschnitt­liche Lebenserwartung enorm gestiegen. Ein vergleichbarer Zugewinn an Lebenszeit ist bei einer älteren Bevölkerung nach der kardiovaskulären Revolution nicht mehr zu erreichen. Selbst kleine Veränderungen erfordern einen großen Aufwand.

Aber der Anstieg verläuft doch konti­nuierlich?

Ein sehr hohes Alter jenseits der 100 erreichen ja bisher nur sehr wenige Menschen. Das sind Ausnahmeerscheinungen. Aktuelle Studien legen eher den Schluss nahe, dass im Bereich von etwas über 100 Jahren die Biologie eine Grenze zieht – vielleicht mit etwas Spielraum nach oben.

Was beeinflusst die Lebens­erwartung überhaupt noch?

Unter anderem sozio­­ökonomische Faktoren. In den USA etwa gibt es Anzeichen dafür, dass die Lebenserwartung vor allem bei Menschen mit geringem Einkommen und wenig Bildung wieder zurückgeht. In diesen Gruppen sind viele Gesundheits­risiken stärker vertreten: Übergewicht, Rauchen, Alkohol- oder Dro­genkonsum, prekäre Lebens­um­­stände. Außerdem können sich weniger Wohlhabende manche lebensverlängernden Behandlungen einfach nicht leisten.

Hygienische Revolution

Im 19. Jahrhundert werden erstmals Bakterien entdeckt. Bessere Lebensmittelhygiene und Impfungen senken die Kindersterblichkeit erheblich.

Antibiotische Revolution

1910: Mit der Entwicklung von Arsphenamin durch Paul Ehrlich und Penicillin durch Alexander Fleming (1941) verlieren viele bakterielle Infektionskrankheiten wie Lungenentzündung oder Tuberkulose ihren Schrecken.

Kardiologische Revolution

1958 wird der weltweit erste Herzschrittmacher eingesetzt, 1967 der erste Bypass. Viele Entwicklungen in der Kardiologie verlängern das Leben von Herz-Kreislauf-Patienten.

Interaktive Grafik zur Entwicklung der Lebenserwartung: Wenn Sie mit dem Mauszeiger über die Symbole fahren, wird eine Erklärung angezeigt

In welchen Regionen steigt die Lebenserwartung denn noch besonders schnell?

Überall dort, wo sie noch sehr niedrig war. Etwa in Ländern südlich der Sahara – allerdings eben von einem sehr niedrigen Niveau aus­gehend. Aber ein Gefälle gibt es nicht nur zwischen den Industrie­nationen und den Entwicklungsländern, sondern auch innerhalb von Industrie­nationen wie beispielsweise Deutschland.

Wo in Deutschland lebt man besonders lang – und wo eher nicht?

Wenn man die Bundesländer betrachtet, leben Männer und Frauen in Baden-Württemberg am längsten. Frauen im Saarland und Männer in Sachsen-Anhalt liegen mit der Lebenserwartung dagegen am unteren Ende der Skala.

Wie erklärt sich die Wissenschaft den Unterschied?

Die Statistik zeigt immer wieder, dass es einen Zusammenhang zwischen Sozialstatus, Bildung und Gesundheit gibt. Besser Gebildete bleiben länger fit und ­gesund, sie pflegen seltener riskante Verhaltensweisen wie etwa das Rauchen. Menschen mit einem niedrigen Sozialstatus und geringer Bildung sind darüber hinaus häufig Stress ausgesetzt, zum Beispiel durch eine unsichere Erwerbssituation. Dauerhafter Stress, Erkrankungen und eine niedrige Lebenserwartung hängen zusammen.

Als Weltmeister der Lebens­erwartung gelten die Japaner. Was können wir von ihnen für ein langes und gesundes ­Leben lernen?

Ob sich die Japaner für Deutschland als Vorbild eignen, weiß ich nicht. Besonders intensiv erforscht wurde ja die Lebensweise auf der "Hundertjährigen-Insel" Okinawa. Dort essen die Menschen traditionell viel Gemüse und Obst und insgesamt eher kleine Por­tionen. Allgemein würde es sicher vielen Menschen helfen, die Empfehlungen zur Prävention zu beherzigen. Also: nicht rauchen, genug Bewegung – etwa täglich 10 000 Schritte – und eine abwechslungsreiche Ernährung mit viel Gemüse, Obst und wenig Fleisch.

Was ist mit ausreichend Schlaf oder der Vermeidung von Stress?

Alles, was zu einer guten Gesundheit beiträgt, kann prinzi­piell lebensverlängernd wirken. Es gibt wissenschaftliche Hinweise, dass dazu auch gehört, gute Kontakte zu Freunden und Familie zu pflegen. Umfragen haben gezeigt, dass es den meisten Menschen weniger darauf ankommt, möglichst alt zu werden – sondern möglichst viele Jahre bei guter Gesundheit und Lebensqualität zu verbringen.



Bildnachweis: F1online, W&B/Andreas Müller, W&B, W&B/Jörg Neisel

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