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Selbstverletzendes Verhalten: Was steckt dahinter?

Schmerz sagt einem normalerweise, was man meiden soll. Warum ihn suchen und sich absichtlich ritzen oder verbrennen? Doch für manche Menschen kann das zur Sucht werden
von Sonja Gibis, 24.11.2017

Ursache und Folge der Selbstverletzung: Narben auf der Seele und am Arm

W&B/Mario Wezel

Ein dunkles Loch, das alle Gedanken einsaugt. Wenn es sich in Louisa ausdehnt, sie fast verschlingt, greift sie oft zu Stift und Block. Auf einem ihrer Bilder umklammern verkrampfte Finger ein Herz, ritzen Furchen hinein, reißen es auseinander. "Zeichnen hilft", sagt die 18-Jährige, die Freunde kurz Lou nennen, und zieht an einer Zigarette.

Vor gut drei Jahren hätte Louisa die Dunkelheit noch mit einem Rasiermesser bekämpft. Drei-, viermal hätte sie geschnitten. Immer tiefer, bis das warme, rote Blut den Arm runtergelaufen wäre. Der verletzte Körper löste den seelischen Schmerz, lenkte die Gedanken auf Praktisches: Wie stoppe ich das Blut? Muss ich ins Krankenhaus? Ist der Schnitt so groß, dass er wieder genäht werden muss? "Es war der einzige Ausweg, den ich sehen konnte", sagt Louisa.

Rückzugsort: Louisa sitzt oft lange am Fenster

W&B/Mario Wezel

Einige schneiden immer wieder

Vor allem Kinder- und Jugendpsychiater sind sehr häufig mit jungen Menschen konfrontiert, die sich selbst Schmerzen zufügen. Sie schneiden sich mit Rasierklingen, drücken glühende Zigaretten in ihre Haut oder schlagen den Kopf gegen die Wand, bis sie bluten. Zwar gibt es auch Erwachsene, die sich wiederholt selbst verletzen, vor allem Patienten, die an einer Borderline-Störung leiden.

"Am häufigsten betroffen aber sind Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren", sagt Professor Romuald Brunner. Der Kinder- und Jugendpsychiater am Uniklinikum Heidelberg hat in den vergangenen Jahren wiederholt mehrere Tausend Jugendliche befragt. Ein Ergebnis: "Die Zahl der Betroffenen hat deutlich zugenommen." Experten schätzen, dass etwa jeder Siebte es mal ausprobiert. Oft bleibt es bei ein paar Schnitten. Doch fast ein Drittel davon tut es wieder. Und wieder.

Viele Ursachen können eine Rolle spielen

Den einen Grund dafür gibt es nicht. Manche Jugendlichen wurden missbraucht, von den Eltern emotional vernachlässigt. Häufig leiden sie an psychischen Krankheiten wie Depressionen. Viele kämpfen mit einem geringen Selbstwertgefühl, einige erzählen gar von Selbsthass. "Allein den Eltern die Schuld zuschieben – das ist völlig falsch", sagt Brunner und berichtet von jungen Patienten, die intelligent sind, gut aussehend, eine liebevolle Familie haben. "Sie machen es trotzdem. Und kein Mensch versteht es."

Auch Louisa hat äußerlich alles, was sich ein Mädchen in ihrem Alter so wünscht. Wenn sie ein Selfie postet, kommentieren Freunde: "Krass schön." Sie wohnt in einem Hamburger Nobelviertel, hat zwei Hunde, ein Pferd, jede Menge Elektronikkram. Die Wände in ihrem Schlafzimmer hat ein Maler mit einem Sternenhimmel geschmückt, der nachts leuchtet. Doch das schöne Zuhause fühlt sich für Louisa oft an wie "ein goldener Käfig".

"Ich weiß, dass meine Eltern mich lieben", sagt sie. Auch wenn sie inzwischen getrennt leben. Schuld daran, dass sie mit zehn Jahren zum ersten Mal in der Psychiatrie war, seien sie nicht. Sie wog nur noch 27 Kilo, klappte zusammen. Im Krankenhaus fiel den Ärzten auf, dass das Mädchen nie lachte, kaum reagierte. Drei Jahre später, die Diagnose: affektive Dysregulation, eine Störung, die erst seit wenigen Jahren offiziell anerkannt ist.

Professor Michael Schulte-Markwort

W&B/Mario Wezel

Im Inneren brodelt ein Vulkan

"Die Kinder haben riesige Probleme, ihre Gefühlswelt zu steuern", erklärt Professor Michael Schulte-Markwort, der Louisa seit fünf Jahren betreut. Manche beschreiben ihre Emotionen als inneren Vulkan, berichtet der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf. Andere als eine Maus, die im Bauch rumrast. Regeln, Veränderungen sind ein Riesenproblem. "Viele Eltern sind damit schnell überfordert."

Auch Louisa weiß, dass sie andere manchmal an ihre Grenzen bringt: "Provozieren, das ist halt ‘ne Sache, die ich extrem gut kann", sagt sie, kneift ihre Augen leicht zusammen und lacht. Wenn sie mit ihren Gefühlen, dieser Wut, in die sich Trauer und Einsamkeit mischen, nicht klarkommt, rastet sie aus, übertritt jede Regel. Inzwischen geht sie auf Schule Nummer fünf. Sogar aus der Klinik ist sie schon mal geflogen.

Beziehungen zu Menschen sind schwierig. Anders als zu Tieren, selbst zu Pferden, die andere beißen, scheuen Katzen, die Fremde anfauchen: "Bei mir sind sie ganz ruhig", erzählt Louisa.   

Sich schneiden als Ausgleich bei Problemen

Hinter all dem Radau, den Louisa manchmal macht, steht echte Verzweiflung. So groß, dass diese sie ein paar Mal fast überwältigt hat und sie versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Sie war 13, als sie die Dunkelheit zum ersten Mal mit einer Rasierklinge bekämpfte. Wie andere Kids in der Klinik. Bald brauchte Louisa das "Ritzen", wie viele sagen. Sie hasst das Wort. Was hat eine Wunde, die ein Chirurg mit 20 Stichen nähen muss, mit ritzen zu tun? Wenn es Streit gab, etwas schieflief, sie sich überfordert fühlte, schnitt sie tief. Bis ihre Arme übersät waren von den Zeichen ihrer zerrissenen Seele.

Zuerst versteckte sie die Wunden vor ihrer Mutter. "Ich wollte ihr nicht wehtun", sagt sie. Wenn Menschen sich selbst verletzen, reagieren andere oft fassungslos. Schmerz will jeder vermeiden. Wie kann man ihn nur suchen? "Eine Verletzung kann ein Ventil sein", erklärt Schulte-Markwort. Fast alle Betroffenen schildern eine unerträgliche innere Spannung. Wenn das Blut fließt, löst sich der Druck.

Zerrissen: Wenn sie dunkle Gefühle überkommen, hält Louisa sie in Zeichnungen fest

W&B/Mario Wezel

Wenn die Gefühle Achterbahn fahren

Nicht immer steckt dahinter eine psychische Krankheit. Gefühle, die Achterbahn fahren. Bodenlose Einsamkeit, innere Leere. Um das zu erleben, reicht es oft schon, jung zu sein und seinen Platz im Leben noch zu suchen. Jungs flippen aus. Mädchen richten die Aggression eher gegen sich selbst.

Das Gehirn lernt schnell: Schneiden entspannt. "Manche werden regelrecht süchtig danach", schildert Schulte-Markwort. Eine Rolle spielen offenbar auch körpereigene Drogen. Denn bei Verletzungen fluten schmerzstillende Endorphine den Körper.

Selbstverletzung nimmt zu

Doch bleibt die Frage: Warum nimmt Selbstverletzung zu? "Jede Generation sucht sich ihren Ausdrucksweg", sagt der Psychiater. Der Trend zur Selbstverletzung ist für ihn die Kehrseite unserer immer narzisstischeren Gesellschaft. Der Druck, sich zu zeigen, ein perfektes Bild zu liefern, ist enorm.

"Sich selbst zu verletzen ist da wie ein unbewusster Protest." In sozialen Medien verbreiten sich Bilder in Sekunden und wirken als Trigger, reizen zur Nachahmung. Doch sind die Wunden auch ein Appell: Dahinter steht eine seelische Not, die gehört werden will.

Angehörige sollten nicht wegsehen

Wer etwas bemerkt, sollte daher auf keinen Fall wegsehen. Schulte-Markwort rät: nicht bagatellisieren, aber auch nicht dramatisieren. Sondern direkt, besorgt und fürsorglich auf den jungen Menschen zugehen und sich auch von Schweigen und Rückzug nicht abschrecken lassen. Verletzt sich ein Jugendlicher regelmäßig, ist professionelle Hilfe nötig. Wenn die Jugendlichen sich weigern, rät Brunner Eltern, allein eine Beratung aufzusuchen.

Lassen sich die Jugendlichen auf eine Therapie ein, haben sie gute Chancen, von der Sucht nach Selbstverletzung loszukommen. Erfolg bringt oft die Arbeit mit sogenannten Skills, die eine Alternative zum selbstschädigenden Verhalten darstellen. "Ich hatte eine Creme, die fürchterlich brannte", erinnert sich Louisa. So ein Skill kann aber auch ein Gummiband sein, das auf das Handgelenk schnalzt, oder Eiswürfel.

Schwieriger Absprung

Louisa half das wenig. Wenn der Drang zu schneiden sie überkam, rauchte sie schließlich jedes Mal eine Zigarette. "Ich habe ein Laster durch ein anderes ersetzt", sagt sie. Ihr letzter Schnitt ist inzwischen mehr als drei Jahre her. Doch Probleme bleiben. "Jeder Mensch hat einen guten und einen bösen Wolf in sich. Bei mir ist der böse von Natur aus etwas stärker", sagt Louisa.

Wenn er zu stark wird, greift sie zum Handy und schreibt an ihren langjährigen Therapeuten Schulte-Markwort. Er ist weiter für sie da. Gerne würde Louisa studieren. Doch sie zweifelt, ob sie es schafft, die Schule durchhält. In einem aber ist sie sich sicher: Die Zeit, in der sie eine Klinge brauchte, um weitermachen zu können, ist vorbei.



Bildnachweis: W&B/Mario Wezel

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